Damenbrustbild von vorne
Gustav Klimt
1897/98
ehemalige:r Besitzer:in Anton Loew (Pressburg 1847 - 1907 Wien)ehemalige:r Besitzer:in Gertrud von Felsöványi (Wien 1883 - 1964 Santa Clara, USA)ehemalige:r Besitzer:inum 1941-1961 Gustav Ucicky (Wien 1899 - 1961 Hamburg)ehemalige:r Besitzer:in1961-2013 Ursula Lena Ucicky (Cottbus 1922 - 2025 Wien)ehemalige:r Besitzer:in2013-2015 Klimt-Foundation, Wien Auktion17.6.2019 Auktionshaus im Kinsky [560000](Wien)Besitzer:in Besitzer:in unbekannt
Werkverzeichnis
Raffinement und Mysterium: Klimts moderne weibliche Bildniszeichnungen
Innerhalb Klimts Zeichnungen stellen die autonomen weiblichen Bildnisse ab etwa 1895 eine eigenständige, vielfach vertretene Gattung dar. Die zumeist als Brust- oder Halbbildnis wiedergegebenen Frauen sind – im Gegensatz zu den weiblichen Modellen seiner berühmten Porträtgemälde – zum Großteil unbekannt. In diesen intimen, oft höchst verfeinerten Arbeiten ging es dem Künstler in erster Linie nicht um die Personen, sondern um die subtile Erkundung von Typen, Charakteren und Stimmungswerten. Zu besonderer Blüte gelangte diese Darstellungsart in der Gründungszeit der Secession (1897/98). In dieser Phase des Aufbruchs entstanden auch die hier gezeigten Bildnisse (Kat.-Nr. 425 und 426 [Anm.: im Auktionskatalog]). Diese unterscheiden sich naturgemäß von den spontanen Studien, durch die Klimt zur gleichen Zeit sein erstes modernes Porträtgemälde von Sonja Knips vorbereitet hat (1898, vgl. Kat. Nr. 428).
Beide Bildniszeichnungen treten durch die jeweilige Betonung ihrer Profil- und Frontalansicht hervor. Im Rahmen seiner modernen symbolistischen Bildsprache ist das linear stilisierte Frauenprofil mit dem gesenkten Blick eine seiner häufigsten Metapher für Melancholie und Introspektion. Merkmale wie maskenhafte Frontalität und starrende Augen wiederum lassen sich mit seinen programmatischen Allegorien „Tragödie“ (1897), „Pallas Athene“ (1898) oder „Nuda Veritas“ (1898/99) vergleichen. Die hypnotisierende Wirkung dieses Gesichtstypus verweist auf die für Klimt damals große Bedeutung des belgischen Symbolisten Fernand Khnopff.
Klimts autonome weibliche Bildnisse können als Gratwanderung zwischen melancholischer „Seelenkunst“ und raffinierter, oft modisch geprägter Ästhetik angesehen werden. In der frühen Secessionszeit ragen viele dieser Darstellungen durch die außergewöhnliche Anwendung von farbigen Kreiden heraus – von der weichen Pastelltechnik bis zu feinsten Linienstrukturen. Von diesen Experimenten zeugen auch die hier besprochenen Zeichnungen. Im Profilbildnis wird die braun gewischte Unterschicht der Haarpartie von parallel fließenden schwarzen Linien und weißen Akzenten dicht überlagert. Umso transparenter wirkt das zart aufgehellte Gesicht, in dem sich die weißen Schraffen dem linearen Schwung der Haare zu fügen scheinen.
Im Frontalbildnis wird die maskenhafte Flächigkeit des Gesichts durch feine weiße Vertikalschraffen zusätzlich unterstrichen. Wie eine Insel wird dieses von der üppigen, fein strukturierten Haarpartie und von den breit fließenden weißen Kreidelinien des gefalteten Umhangs umschlossen. Mit der bei ihm seltenen braunen Kreide skizziert Klimt die Oberbekleidung. Im Gesicht wird die magische Wirkung der Augen – besonders der Pupillen – durch die präzisen Akzente der blauen Kreide erheblich gesteigert. Schwarz und blau gestrichelt sind zudem die Schattenpartien, während das Rot des leicht geöffneten Mundes sinnlich hervorleuchtet.
Klimts differenzierter Einsatz der Farben weist ebenso in die Zukunft wie seine Praxis der wirkungsvoll gegeneinander ausgespielten Strukturen. Wenige Jahre nach ihrer Entstehung wurden beide Bildnisse zusammen mit vier weiteren Zeichnungen Teil der von Koloman Moser konzipierten Raumausstattung des 2007 identifizierten Schlafzimmers vom jungvermählten Ehepaar Eisler-Terramare. Die fünf erhaltenen Blätter dieser Serie weisen eine motivische und stilistische Kohärenz auf. Vielleicht geht das Motto „die schöne Wienerin“, wie Emil Pirchan zwei Zeichnungen der Serie in seiner 1942 (1956) publizierten Klimt-Monographie – darunter unser Profilbildnis – betitelt hat, sogar noch auf Klimt zurück. Jedenfalls beleuchtet die Funktion der von Moser gerahmten Blätter als Teil eines secessionistischen Gesamtkunstwerks den hohen Stellenwert des Mediums der Zeichnung in diesem Milieu. Während das Werkverzeichnis der Klimt-Zeichnungen noch den Zustand der später neu gerahmten, nach innen umgefalteten Blätter abbildet, lassen sich diese nach ihrer Restaurierung (2016) wieder in ihrer ursprünglichen Größe bewundern.
Die beiden bei uns unter Kat.-Nr. 425 und 426 [Anm.: im Auktionskatalog] angebotenen Zeichnungen von Gustav Klimt befanden sich einst in der Sammlung des Sanatoriumbesitzers Anton Loew (1847-1907), für den Klimt 1902 auch das wunderbare Porträt seiner Tochter Gertrude malte. Gerta (1883-1964) heiratete 1903 den Unternehmer Johann Arthur Eisler von Terramare (1878-1938). Als Teil der Aussteuer erhielt Gerta - neben dem von ihrem Vater bei Klimt in Auftrag gegebenen gemalten Porträt - sechs frühe Zeichnungen von Klimt mit Darstellungen schöner Damen, darunter „Frauenkopf im Profil nach rechts” (Kat.-Nr. 425) und „Damenbrustbild von vorne” (Kat.-Nr. 426).
Für die Inneneinrichtung der Wohnung des jungen Paares Gerta Loew und Hans Eisler von Terramare zeichnete Koloman Moser verantwortlich. Ein 1903/04 in der Zeitschrift „Dekorative Kunst“ erschienenes Foto zeigt einen Einblick in das von Kolo Moser gestaltete Interieur: an der Wand hängen zwei Klimt-Zeichnungen in eigens von Moser entworfenen Rahmen, wobei das Kunstwerk links als „Frauenkopf im Profil nach rechts“ (Kat.-Nr. 425) zu identifizieren ist.
Die erste Ehe Gerta Loews dauerte nicht lange und wurde, nachdem ihre kleine Tochter 1905 im Alter von 15 Monaten verstorben war, 1909 geschieden. Die Werke von Gustav Klimt blieben in Gertas Eigentum. 1912 heiratete Gerta den Industriellen Elemér (Baruch von) Felsöványi (1882-1923). Nach dem Anschluss Österreichs an das Nazi-Deutschland war die Familie Felsöványi wegen ihrer jüdischen Herkunft zur Emigration gezwungen. Gerta flüchtete 1939 nach Belgien und emigrierte später in die USA. Das in Wien verbliebene Vermögen sollte auf Gertas Wunsch hin von einer Bekannten verwaltet werden, die sich jedoch die Kunstsammlung Felsöványi angeeignet und verkauft hat.
So kamen die Klimt-Zeichnungen etwa 1941 in den Besitz von Gustav Ucicky (1899-1961), dem ersten unehelichen Sohn von Gustav Klimt und Maria Ucicka. Gustav Ucicky, der unter anderem während der NS-Zeit Karriere als einer der führenden Propaganda-Regisseure machte, heiratete 1957 Ursula Kohn. Ursula Ucicky erbte 1961 von ihrem Mann Gustav dessen große Kunstsammlung, zu der auch unsere beiden Klimt-Blätter gehörten. Sie brachte die Kunstwerke 2013 in die von ihr gegründete Klimt-Foundation mit der Auflage ein, deren Provenienz zu erforschen und eine Einigung mit den Erben Gerta Felsöványis zu suchen.
Die Stiftung einigte sich mit den Erben nach Gertrud Loew-Felsöványi auf die Einsetzung eines unabhängigen Schiedsgerichtes, das eine Restitution der Kunstwerke empfahl. Aufgrund dieser Empfehlung stellte die Stiftung unter anderem jene zwei Kunstwerke, die wir jetzt versteigern können, an die Erben zurück.
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