Bildnis eines Mädchens im Lehnstuhl
Gustav Klimt
1897/98
Besitzer:invor 1918 Privatsammlung , Wien Josefstadtehemalige:r Besitzer:in Privatsammlung , BregenzAuktion28.11.2006 Dorotheum Wien [78000]ehemalige:r Besitzer:in Besitzer:in unbekannt ehemalige:r Besitzer:inbis 2009 Le Claire Kunst (Hamburg)Besitzer:inab 2009 Los Angeles, The J. Paul Getty Museum
Auktionskatalog
Bildnis eines Mädchens im Lehnstuhl, 1897/98, signiert Gustav Klimt, in der rechten Ecke mit 206 bezeichnet, schwarze Kreide auf Papier, Passep.-Ausschnitt 36,7x29,5cm, Blattgröße 45,5x31,5cm, ger. für den Katalog nur mit Passep.-Ausschnitt Foto auch vom ganzen Blatt.
Diese Zeichnung wurde von Frau Dr. Bisanz-Prakken begutachtete und wird in das Werkverzeichnis der Albertina aufgenommen.
Provenienz: Privatbesitz.
In dieser unmittelbar ansprechenden Bildniszeichnung von Gustav Klimt wendet eine junge, in einem Lehnstuhl ausgestreckte Frau ihr Gesicht dem Betrachter zu. Ihr Gesicht und ihre Schulterpartie bilden eine Diagonale und füllen die ganze Breite des vertikalen Blattformates aus. Im Focus der Darstellung stehen die dunklen, melancholisch blickenden Augen und die geschwungenen Brauen; der leicht lächelnde Mund gibt die nur zart angedeuteten Zähne frei. Sehr souverän spielt Klimt die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten der schwarzen Kreide gegeneinander aus. Zu den flüchtigen, gewellten Linien der Bekleidung und der Sessellehne stehen die subtil schattierten Züge des weich konturierten Gesichtes und die malerisch gewischte Haarpartie in einem effektvollen Kontrast. Eine markante Note bildet das Fragment des hoch geschlossenen, durch scharfe Querstriche definierten Kragens (oder Halsschmucks). Innerhalb dieser ausgewogenen Flächenkonstellation erhält sogar das dunkle Niemandsland zwischen Hals und Lehne ein eigenes, dekoratives Gewicht. Das Gesicht der Frau ist von einer suggestiven, sinnlichen Nähe; zwischen ihr und dem Betrachter bildet die Sessellehne aber eine schwungvoll stilisierte Barriere. In diesen so erzielten Leerraum – auch ein wesentliches Element der Komposition – integriert Klimt wirkungsvoll seine in Blockbuchstaben gesetzte Signatur. Sowohl im Motiv der vom Blattrand fragmentierten, im Lehnstuhl liegenden Frau als auch in den subtilen Abstufungen der schwarzen Kreide ist das Blatt mit einer Gruppe von weiblichen Bildniszeichnungen verbunden, die um 1897/98 – in der Gründungszeit der Wiener Secession – entstanden sind; einige dieser Blätter wurden in Pastell ausgeführt1. Gleichzeitig schuf Klimt die Studien für das Bildnis von Sonja Knips (1898), das erste in der Reihe eines modernen, vom Symbolismus geprägten Porträttypus, bei dem vor allem der Belgier Fernand Khnopff und der Engländer James McNeill Whistler eine wegweisende Rolle spielten. Auch unsere Zeichnung ist von der subtil verschleiernden Kreidetechnik wie von der rätselhaften Nähe-Distanz-Dialektik des belgischen Symbolisten geprägt; sogar in den ebenmäßigen Zügen und der Außenform erinnert das Gesicht an den für Khnopff charakteristischen, rund stilisierten Idealtypus. Im Ausdruck wirkt dieses Frauenantlitz etwas privater als die meisten anderen Bildniszeichnungen dieser Phase. In Bezug auf die gelegentlich geäußerte Vermutung, dass hier Sonja Knips dargestellt sei, erscheint jedoch Vorsicht angebracht. Gewisse Ähnlichkeiten in der Physiognomie, der Frisur und der Wiedergabe der Bekleidung sind tatsächlich vorhanden; auch den Porträtphotos von Sonja Knips ist das von Klimt gezeichnete Modell nicht unähnlich. Wesentlich anders ist in der Zeichnung jedoch die gebogene, eher spitze Form der Nase; auch die Mund- und Kinnpartie erscheint hier viel weniger ausgeprägt als in den uns bekannten Photos und Darstellungen von Sonja Knips. Das vorliegende Bildnis weist weich fließende Formen und eher stereotype Gesichtszüge auf, die dem Zeitgeschmack weitgehend Rechnung tragen; in der Frisur und Halsbedeckung verbindet es sich auch mit anderen Bildniszeichnungen aus dieser Phase. Die Frage, wer hier dargestellt wurde, ist letztendlich weniger relevant als die Feststellung, dass hier ein für die Übergangszeit zur „Moderne“ sehr charakteristisches und faszinierendes Beispiel von Klimts Porträtkunst vorliegt.
1 Vergleiche insbesondere: Alice Strobl, op. cit., Bd. 1, Salzburg 1980, Nrn. 388, 391 und 392 sowie Bd 4, Nr. 3323, und in Bezug auf die Augen: Ebenda, Bd. 1, Nrn. 385, 406-408 und für den Gesichtstypus: Bd. 1, Nr. 28.
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