Entwurf für eine Staatsnote zu 10 Gulden
Gustav Klimt
1892
Besitzer:inab 1892 Wien, Oesterreichische Nationalbank - Geldmuseum (Wien)
Katalogtext
Gerade in unserem Kontext erscheint es von großem Interesse, dass die erste offizielle Ablehnung, die Klimt – damals noch gemeinsam mit Matsch – in seiner Karriere erfahren hat, den Bereich der Zeichnung betraf. Erstmals wurde der erfolgsgewöhnte Künstler mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Modernität nicht verstanden wurde. Mit dem künstlerischen Niveau seiner Arbeiten, in denen er die Grenzen der Gebrauchsgrafik sicherlich ungewollt gesprengt hat, waren die Auftraggeber offenbar überfordert – weniger nachvollziehbar ist die ablehnende Haltung allerdings im Fall der weitaus konventionelleren Entwürfe von Matsch. Der verletzte Stolz der beiden Künstler ist ebenso dokumentiert wie deren Forderung, für die umsonst verrichtete Arbeit mit 600 Gulden entschädigt zu werden. Dies wurde von ihrem hochgestellten Gesprächspartner entrüstet zur Kenntnis genommen, in dessen 30-jähriger Zusammenarbeit mit zahlreichen Künstlern »ein solcher Fall von Überschätzung des persönlichen Werthes bisher nicht vorgekommen« sei. Die 600 Gulden wurden trotzdem überwiesen.[4] Was sich hier abseits der Öffentlichkeit in einem kleinen Rahmen zugetragen hat, sollte nach 1900 in der offiziellen Ablehnung der Fakultätsbilder ihre dramatische Steigerung finden.
In den Figuren des 10-Gulden-Entwurfs verbindet sich der moderne Ausdruck des melancholischen Entrückt-Seins mit wichtigen formalen Neuerungen. Innovativ an den feierlich thronenden Vertreterinnen von Handel und Wissenschaft, die sich durch ihre Attribute – Merkurstab und Schriftrolle – zu erkennen geben, sind die streng frontalen Stellungen und die sparsamen, abgewinkelten Gesten. Mit diesem geometrisierenden Gestaltungsprinzip nimmt Klimt spätere Lösungen vorweg, die in den orthogonalen Stellungen der Figuren seines Beethovenfrieses (1901/02) ihre konsequenteste Verwirklichung finden sollten. Weit entfernt von der Rhetorik der allegorischen Ringstraßen-Figuren ist auch der mysteriöse Gesichtsausdruck der beiden sitzenden Gestalten. Die linke Frau blickt melancholisch, die rechte vergeistigt und introvertiert. In einem markanten Gegensatz zu den subtilen Kreidenuancen in Gesicht- und Haarpartien stehen die herben, schematisierenden Federlinien der Gewandfalten, Arme und Hände, mit denen die Illusion von Räumlichkeit und Plastizität weitgehend zurückgedrängt wird. Im zentral positionierten Porträtmedaillon des Kaisers wiederum verdichten sich die Feder, die schwarze Kreide und die weiße Farbe zu einer leuchtenden Intensität. Klimt gelangt hier zu einer spirituellen Verfeinerung, die sich von der sachlich-neutralen Gestaltungsweise seines Kollegen Franz Matsch deutlich abhebt.
In der 50-Gulden-Note huldigen zwei monumentale weibliche Gestalten dem Porträtmedaillon des Kaisers, der hier noch strahlender und repräsentativer in Erscheinung tritt. Die linke Figur wirkt wie eine Synthese zwischen der Göttin der Landwirtschaft Ceres und einer Personifikation des Handels; die blonde Frau mit dem langen, hellen Gewand und den hochgesteckten Zöpfen trägt einen Merkurstab, während Pallas Athene, die streitbare Göttin der Weisheit, der Wissenschaften und der Künste, eine kleine Nike-Figur hochhält. In Klimts Arbeit spielt Pallas Athene schon früh eine wichtige Rolle, und auch in diesem Staatsnotenentwurf geht ihre überragende Bedeutung aus dem vorne angebrachten Kaisermonogramm hervor. Mit ausgestreckten Armen bieten die Frauen dem Kaiser ihre Triumphsymbole dar: die Siegespalme und den Lorbeerzweig. Wie so oft in seinen Allegorien arbeitet Klimt hier mit einem Kontrastpaar. Dem von der linken Figur vermittelten Eindruck von Sanftheit, plastischer Weichheit und Helligkeit gegenüber steht das rigide, zweidimensionale Erscheinungsbild der Pallas Athene. Überraschend früh verwendet Klimt hier die »ägyptische« Formel der frontalen Körperposition und des zur Seite gewandten Gesichts. Auch in dieser säulenhaften Figur weisen die horizontalen und vertikalen Hauptlinien auf die moderne Monumentalkunst voraus. Das gleichmäßig gemusterte, subtil schimmernde Gewand der Göttin verrät – ähnlich wie in Beispielen der byzantinischen Kunst oder des italienischen Mittelalters – kaum etwas von den darunterliegenden Körperformen. Die dekorative Umrahmung ist aus unterschiedlich strukturierten Raumschichten zusammengesetzt. Mit einer monochromen Palette und einer erstaunlichen Vielfalt an Nuancen setzt Klimt die verschiedenen Substanzen – die Pflanzen, die Steinsorten und die textilen Teile – voneinander ab. In seinen Staatsnotenentwürfe schließt der Künstler vielfach an die Malereien für das Kunsthistorische Museum an, aber einmal mehr erzielt er mit den Mitteln der Zeichnung trotz des streng vorgegebenen Rahmens überraschend moderne Effekte. In diesen beiden Arbeiten wachsen Elemente der griechischen und römischen Antike sowie der italienischen Kunst des Mittelalters und der Hochrenaissance bis hin zu Anregungen von Beispielen der englischen Präraffaeliten und des belgischen Symbolisten Fernand Khnopff zu einer jeweils höchst eigenständigen Synthese zusammen. Mit den Staatsnotenentwürfen, die in Klimts Œuvre ein Einzelfall bleiben sollten, wird die Gattung der bildhaft gezeichneten Allegorien aus der Frühzeit des Künstlers um eine bemerkenswerte Facette bereichert.
[1] Marian Bisanz-Prakken, Die Banknotenentwürfe von Gustav Klimt und Franz Matsch (1892), in: Wien 2010/11, S. 5-7.
[2] Direktor Wilhelm Meyer an die Geschäftsführung, Wien, am 13. Juni 1893. Bankhistorisches Archiv der Österreichischen Nationalbank, Akt Nr. 1210/1893. Publiziert in: Wien 2010/11, S. 38 f.
[3] Ebd., S. 54 f.
[4] Wie Anm. 1, S. 39.
Informationen zu diesem Werk können sich aufgrund laufender Forschungsarbeiten ändern.
Information about this work may change as the result of ongoing research.