Frühwerk
Das Frühwerk von Florentina Pakosta umfasst Blätter und einige Leinwände aus ihrer Jugend bis kurz nach dem Abschluss ihres Kunststudiums, das sie zunächst an der Kunstakademie in Prag und anschließend an der Akademie der bildenden Künste in Wien absolviert. Mit rund 750 Werken aus den Jahren 1948 bis 1964 stellt es den umfangreichsten Teil des vorliegenden Werkverzeichnisses dar. In dieser Phase streift die Künstlerin einige Genres: Es sind Porträts und Selbstbildnisse, Aktstudien und Stillleben, Landschaften und Stadtveduten aus ihrer noch ländlich geprägten Umgebung in Stadlau oder aus dem großstädtischen Paris während ihres Studienaufenthalts. Formal macht Pakosta in den ersten zwölf Jahren ihres künstlerischen Weges einige Ausflüge, beispielsweise ins Kubistische, und sie widmet sich Studien nach Rembrandt während einer Reise in die Niederlande. Ab etwa 1956 nähert sie sich bei der Suche nach ihrem eigenen bildnerischen Vokabular Vorbildern wie Massimo Campigli, Käthe Kollwitz, Constant Permeke, Georges Rouault und Chaim Soutine.
Doch bereits in dieser Experimentierphase zeichnen sich die bis heute relevanten künstlerischen Interessen ab. Markant ist etwa das älteste verzeichnete Werk: Marionette, ein Aquarell aus dem Jahr 1948, das Pakosta im Alter von nur 14 oder 15 Jahren schuf. Das Motiv ist deshalb bezeichnend, weil es das frühe Interesse der Künstlerin an der Darstellung von Emotionen und am Maskenhaften erkennen lässt. Damit nimmt sie ein zentrales Thema ihres späteren Œuvres vorweg: die Untersuchung von Mimik und Gestik sowie deren gesellschaftliche Prägung. In dieser Zeit entstehen erste Bildnisse von Familienmitgliedern, Schlafenden und psychisch Kranken, bei denen das Augenmerk besonders auf dem Ausdruck liegt. In ihrer Analyse geht es in den Worten Pakostas um eine „Physiognomie der Außenseiter“.
Anstatt die Tendenzen der informellen Kunst der Nachkriegsjahre aufzugreifen, sucht Pakosta Orte des täglichen Lebens auf: Bei der Ausgabe von leistbarem Essen in der WÖK (Wiener öffentlichen Küche) findet sie die Modelle für ihre Bildnisse, ihre Aktvorlagen holt sie sich im FKK-Bereich des Arbeiterstrandbades. Zum sogenannten Zyklus „Wiener Tanz“ zählen auch Zeichnungen, die Pakosta in der Tradition des Realismus anfertigt – manchmal im Wiener Prater, aber auch heimlich, verborgen von der Tischkante, in Wirtshäusern und Nachtlokalen der Leopoldstadt, die für Frauen damals kaum allein zugänglich sind. Auch wenn ihre späteren Werke nicht mehr die formalen Charakteristika des Realismus aufweisen, bleibt ihre Kunst doch durchweg gesellschaftlich relevanten Inhalten verpflichtet.
Pakosta entdeckt und erprobt in ihrem Frühwerk zudem unterschiedliche Kunsttechniken: Neben der pragmatischen Entscheidung, bei Skizzen im Gasthaus bisweilen den Bleistift durch Lippenstift zu ersetzen, kommen andere, konventionellere Mal- und Zeichnungsmittel zum Einsatz. Bister, der mühsam aus Holzruß gewonnen wird, sowie Eitempera und Gouache bleiben auf ihr Frühwerk beschränkt. Die Erforschung und Beherrschung der diversesten, äußerst komplexen Drucktechniken – Kaltnadel, Holzschnitt, Radierung, Vernis mou, Aquatinta, Mezzotinto – erweisen sich hingegen bis in die 1980er-Jahre als für ihre Kunst von entscheidender Bedeutung. Sie ermöglichen die Herausarbeitung zentraler Themen in späteren Werkgruppen und tragen maßgeblich zu Pakostas Renommee als anerkannte und virtuose Künstlerin der Druckgrafik in Österreich bei.