Selbstbildnisse
Die Selbstbildnisse Florentina Pakostas bilden – neben den frühen Porträts von Freund:innen und Familienmitgliedern, Gasthausbesucher:innen, Schlafenden, Obdachlosen und psychisch Kranken – den Ausgangspunkt für eine intensive Auseinandersetzung mit der Darstellung des Gefühlsspektrums im menschlichen Antlitz. Vor dem Spiegel zeichnend, erkundet sie ihre momentane psychische Verfassung. Dabei werden auch Rollen ausgelotet, etwa in Ich und meine Masken oder Selbstbildnis mit hoch erhobenem Kopf, wo sie eine selbstbewusste Haltung parodiert.
Das Selbstbildnis wird für Pakosta zum zentralen Instrument ihrer Suche nach der eigenen Identität –als Frau und als Künstlerin in einem männlich dominierten Kunstbetrieb, in dem es für sie schwer bis unmöglich ist, sich durchzusetzen. In der Serie „Mein mehrfaches Sein“ verarbeitet sie eine persönliche Krise, ausgelöst durch die Erfahrung der Ausgrenzung. Über ihre Selbstbildnisse schreibt sie: „Wenn ich mich zeichne, existiere ich dreifach. Erstens als Person, das heißt als Subjekt und Objekt zugleich. Zweitens als Spiegelbild, welches meine Doppelgängerin und der Stabilisator der Wahrnehmung meines Seins ist. Und drittens als Zeichnung – der Beweis meiner Existenz.“
In der schonungslosen Selbstbefragung durch die Zeichnung findet Pakosta eine Kraftquelle, um ihre scheinbar ausweglose Lebenssituation und ihre Existenzängste zu bewältigen. Ihre fast täglich entstehenden Zeichnungen zeigen sie meist androgyn mit kurzem Haar oder Glatze, den Blick frontal, streng und ungeschönt. Werke wie Zukunftsangst oder Lähmende Traurigkeit spiegeln Verzweiflung und Resignation wider, während Titel wie Nicht mit mir! oder Zuversicht den Kampfgeist der Künstlerin verraten.
Das von einem Maschendrahtzaun überzogene Selbstbildnis steht für ein stetes In-die-Schranken-gewiesen-Werden. In Arbeiten wie Am Rednerpult oder Zungenschlag lässt Pakosta mit einem Schrei aufhorchen, protestiert gegen die Fremdbestimmung durch Rollenzuweisungen in unserer Gesellschaft. Auch in anderen Werkgruppen ist ihr Selbstbildnis präsent: So taucht die Künstlerin in den „Menschenmassen“ auf; im überlebensgroßen Werk Lachen! (Selbstbildnis)! reiht sie sich unter die „Zeitgenossen“ ein – als einziges Gesicht, das eine Emotion zeigt.