Trikolore Bilder
Nach über 30 Jahren künstlerischer Tätigkeit erlangt Florentina Pakosta mit ihren vorwiegend gegenständlichen Arbeiten auf Papier einen gewissen Erfolg. Um 1989 entstehen plötzlich die bunten, abstrakt-geometrischen „Trikoloren“ ihres sogenannten Zweitwerks. Was wie eine Zäsur in ihrem Schaffen zu sein scheint, kündigt sich jedoch bereits in den „Menschenmassen“ und „Warenlandschaften“ an: formal, technisch und medial durch einen sukzessiven Verzicht auf den subjektiven Strich sowie durch eine Hinwendung zur Farbe und zur Malerei. Die „Trikolore-Bilder“ sind einem strengen System unterworfen. Es sind kalkulierte Beziehungsgefüge von linearen Balken und Bögen, die als Metapher für Machtstrukturen stehen. Drei leuchtende Farben, die jeweils eine spezifische Funktion in der Bildkomposition einnehmen, prallen aufeinander. Die Spannungen der politischen und sozialen Veränderungen Ende der 1980er-Jahre vibrieren in den grellen, giftigen Farben der aggressiv anmutenden Bilder.
Während die Künstlerin Abstraktion zuvor als zu wenig verbindlich erachtet hat, mit zu geringem Bezug zur harschen Realität des Lebens, entdeckt sie nun mit Farbe und im Geometrischen eine adäquate Ausdrucksform, um das neue Lebensgefühl nach 1989 – als Reaktion auf die politischen Umwälzungen mit all ihren Höhen und Tiefen, Hoffnungen und Ängsten – wiederzugeben. Die abstrakte Geometrie spiegelt die Härte, die Aggressionen und die Gewalt der Gesellschaft wider. Gleichzeitig strebt Pakosta mit ihrer neuen Bildsprache eine Symbolik an, die in ihren Worten für die „Freiheit neuer Gedanken steht“. Auch die das erlebte Trauma des Zweiten Weltkriegs in Wien findet in Pakostas Zweitwerk stärker Eingang. In abstrakter Erscheinungsform setzt sich die Künstlerin in ihren neuen Bildern mit akkuraten Kanten und Klingen weiterhin mit brennenden gesellschaftlichen Themen wie Krieg, Konflikten und Kräfteverhältnissen auseinander. Die „Trikoloren“ umfassen sieben Werkgruppen mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten. „Zusammenbruch und Bodenhaftung“ weist Anklänge der „Warenlandschaften“ auf; die gegenständlichen Vorlagen sind noch erkennbar. Vom unteren Bildrand aus häufen sich Balken in mehreren Schichten, die sich instabil aufeinander stützen oder soeben in sich zusammengestürzt sind. Diese Strukturen verweisen einerseits auf politische und gesellschaftliche Machtgebilde, Hierarchien und Gewichtungen und andererseits auf die Trümmer und Zerstörung von realen Objekten infolge von Krieg, wie beispielsweise 1989/1. Zusammenbruch der Ostblockstaaten.
Im Mittelpunkt der „Aggressiven Bewegungsabläufe“ steht die Unberechenbarkeit der Emotionen: Die zackigen Linien scheinen wie ein Blitz den Rahmen sprengen zu wollen, doch bleibt die kaum zu bändigende Energie im Bild gefangen. In „Bewegung im Raum“ sondieren Balken den Raum wie die Lichtstrahlen der den Himmel absuchenden FLAK-Schweinwerfer. Die Streben verdichten sich zu Knotenpunkten im leeren Raum – ein Raum, der als virtuell, als Weltraum oder einfach als Feld der Möglichkeiten und Spannungen verstanden werden kann.
„Durchblicke, Gitter und Zäune“ scheinen von der Vernetzung der Welt zu erzählen. Zugleich vermitteln sie einen Eindruck von Anonymisierung oder Isolation durch Konstrukte, die den Blick lenken, kontrollieren oder versperren. Bei den „Parabeln“ kann man einerseits von Assoziationen mit emotionaler Flexibilität sowie dem Abbau verkrusteter Denkmodelle und Vorurteile sprechen. Andererseits thematisieren sie Krieg direkt, mit Titeln wie Drohnenangriff oder Luftschläge (Kämpfe in der Ukraine I): Diese Werke sind vor dem Hintergrund der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 entstanden.
Mit ihrem jüngsten Werken der Gruppe „Kriegslust“ eckt Pakosta buchstäblich an. In diesen „Trikoloren“ tauchen mit zunehmender Radikalität Formen auf, die an Kriegsinsignien, zerbrochene SS-Runen oder Hakenkreuze erinnern. Die Wahl der Signalfarben ist alles andere als zufällig, beispielsweise als politische Anspielung in der siebenteiligen Serie Rot-Grün mit braunen Kanten.
Die Gruppe „Objekte ohne Funktion“ besteht vermehrt aus weit ausgeführten Buntstiftzeichnungen auf Papier und zum Teil wieder gegenständlicheren Bildern: zweckbefreite Körper oder deren Fragmente, die sich jeder Funktion entziehen. In diesem Sinne erscheinen die Bilder vielmehr wie ein Gedankenraum, in dem sich Assoziations- und künstlerische Freiheit entfalten lässt.
Für ihre präzise ausgeführten Kompositionen fertigt Pakosta eine Fülle von Entwürfen und Vorzeichnungen an: Diese umfassen schnelle Skizzen auf der Rückseite eines Kuverts, gestische oder unkontrollierte Handbewegungen, Farbkonstellationen und Kompositionsversuche sowie akribisch mit Zahlen und Rastern versehene Vorzeichnungen für die Ausführung auf der Leinwand.