Zeitgenossen
Florentina Pakosta analysiert in ihren zahlreichen Zeichnungen und Druckgrafiken über Jahrzehnte hinweg die affektgeladenen, bisweilen extremen Gefühlszustände, wie sie sich spontan im Gesicht ausdrücken. Die kontrollierte und eingeübte Mimik wird besonders in den überdimensionalen schwarz-weißen Kreidezeichnungen „Zeitgenossen“ unter die Lupe genommen. Gesichtszüge, die von den eigentlichen Befindlichkeiten oder dem emotionalen Zustand abweichen, können trainiert und gezielt eingesetzt werden. Diese Maske gehört nicht nur zum Schauspiel im Theater, sondern ist ebenso Teil unseres alltäglichen Verhaltens und wird durch Kontexte, Funktionen und Rollen in der Gesellschaft geprägt – wie Erving Goffman schreibt: „Wir alle spielen Theater“.
Für die „Zeitgenossen“ hat Pakosta bewusst Personen ausgewählt, die hohe Positionen innehatten, die damals fast ausschließlich Männern vorbehalten waren. Auch wenn die individuellen Repräsentanten aus Kunst, Politik und Wirtschaft, die für Pakosta Modell gesessen haben, eindeutig zu erkennen sind – beispielsweise der ehemalige Bürgermeister Wiens Helmut Zilk oder der Künstlerkollege Alfred Hrdlicka – sind es typisierte Bilder, die jene High-Power-Posen repräsentieren, wie sie in den Medien verbreitet werden. Die nach wie vor bestehende Überproportionalität an Männern in Machtpositionen spiegelt sich in der Monumentalität der Bilder wider. In strenger Frontalansicht, die an Fahndungsfotos erinnert, schauen nicht die Betrachter:innen die Bilder an, sondern die Bilder ihre Betrachter:innen. Die Ambivalenz dieser Figuren ist ebenfalls im Schlüsselwerk Herrscher abzulesen. Einerseits zeigt das Bild einen freundlichen Herrscher. Gleichzeitig ist es ein Gesicht der Autorität, das in seiner Übergröße wiederum fast lächerlich gemacht wird. Diese Männer bestimmen, was geschieht, wissen aber auch, dass sie Verantwortung tragen.
Als Ergebnis dieser ausführlichen Herausarbeitung eines spezifischen Ausdrucks oder einer Physiognomie der Macht sehen wir uns einem bedrückenden Panorama von männlich codierten Gesichtszügen gegenüber. In jedes dieser Gesichter ist Macht eingeschrieben – jedes Porträt ein stilles Monument ihrer Verkörperung.